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Ist mein Gesangs-Lehrer gut für mich?

February 15, 20243 min read

“Man kann niemanden etwas lehren. Man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.” - Galileo Galilei

Wir haben gelernt, auf Autoritäten zu hören. Zu Hause und besonders in der Schule.

Dabei ist vielen von uns ein wichtiges Werkzeug abtrainiert worden:

Auf die innere Stimme zu hören, die einem sagt, was gut ist und was nicht. Das übernimmt dann der Verstand. Doch der hat bei weitem nicht die Weisheit, die die innere Stimme hat.

Und so begeben sich viele junge Sängerinnen und Sänger in Abhängigkeiten von ‚großen Namen‘ , ‚berühmten Instituten‘ oder ähnliches.

Das ist per se noch nichts schlechtes. Wer aber glaubt, dass die Gleichung

Berühmter Name = Top Pädagoge

immer stimmt, der kann sehr schmerzhaft enttäuscht werden. Ich bin immer wieder überrascht, wie eng die pädagogischen Wege von manchen universitären Gesangs-Pädagogen und Gesangs-Pädagoginnen sind. Falls hier jemand mit seinen Bedürfnissen etwas neben dieser Linie ist, so wartet diese Person umsonst auf die entsprechende Unterstützung.

Die Folgen können dramatisch sein. Berufsunfähigkeit ist leider immer wieder eine davon.

Im Nachhinein höre dann oft die Feststellung: ‚es hat sich eh schon länger nicht gut angefühlt. Aber ich war zu schwach/zu wenig mutig/hatte zu wenig Vertrauen in mein Gespür um aus dieser Situation raus zu gehen.‘

Dass Wege, die den einen zum Top-Star machen, nicht unbedingt für alle anderen auch passen, möchte ich in einem Gleichnis zeigen:

Eine junge Tanne stand umringt von mehreren Eichen am Waldesrand. Als der Winter nahte, begannen die Eichen ihre Blätter zu verfärben und abzuwerfen.

Argwöhnisch betrachteten sie die junge Tanne, die nicht daran dachte, an ihren grünen Nadeln etwas zu ändern.

Da begannen die Eichen immer mehr, auf die Tanne einzureden:

Du musst Deine Nadeln abwerfen! Wenn Du das nicht tust, wirst Du den Winter nicht überleben. Alle Bäume machen das. Horche auf uns, wir sind viel erfahrener als Du und wissen das!‘

Schließlich ließ sich die junge Tanne, wenn auch mit sehr schlechtem Gefühl, überreden und warf ihre Nadeln ab.

So stand sie kahl im Winter neben den Eichen, die stolz darauf waren, der Tanne zu ihrem besten verholfen zu haben. Mit Müh und Not überlebte sie den Winter und erst die warmen Sonnenstrahlen im Frühling verhalfen ihr wieder zu etwas Kraft.

Doch die guten Ratschläge der Eichen gingen weiter:

‚Du hast schlechte Wurzeln, deswegen bist Du im Winter krank geworden. Du musst Deine Wurzeln stärken‘ meinte die erste. ‚Nein, es liegt an der Rinde. Die ist viel zu glatt. Lass Dir die Rinde aufrauhen‘ meinte die nächste. Viele Erklärungen hatten die Eichen, doch für die Tanne klang das alles nicht plausibel.

Eines Tages im Spätherbst, die Eichen hatten schon wieder begonnen, ihre Blätter abzuwerfen und auf die Tanne einzureden, saß auf dem obersten Ast der Tanne ein kleiner Vogel.

‚Hör nicht auf sie!‘ piepste er. ‚ich habe schon viele Bäume wie Dich gesehen. Und keiner von diesen hat je seine Nadeln abgeworfen!‘

Das ermutigte die Tanne, endlich auf ihr inneres Gefühl zu vertrauen und warf in diesem Winter ihre Nadeln nicht ab. Sie blieb den ganzen Winter über kräftig und stark. Noch kräftiger aber als ihr Baum-Körper war ihr Selbstbewusstsein gewachsen. Sie würde vor jedem guten Ratschlag zuerst ihre innere Stimme befragen..

Ich möchte jede junge Sängerin und jeden jungen Sänger ermutigen, ihre innere Stimme zu schulen. Mit etwas Übung und dem daraus resultierenden Vertrauen wird man sich vielleicht nicht immer den berühmtesten Lehrern anvertrauen. Sondern denen, die für den eigenen Weg zu diesem Zeitpunkt am besten passen! Schau zu diesem Thema auch mein aktuelles Youtube Video:

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