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Stimm-Fokus - stärker als jedes Orchester

May 02, 20244 min read

“Singen ist eine edle Kunst und Übung” - Martin Luther

Wie Du mit Deiner Stimme über ein ganzes Orchester drüber singst, ohne dabei zu brüllen.

Es wurden einmal die Lautstärken gemessen, welche Laien-Sängerinnen und Sänger im Vergleich zu professionellen im Stande waren zu produzieren.

Das erstaunliche Ergebnis: Die Lautstärken waren fast gleich. Trotzdem gelingt es ausgebildeten Stimmen, sich gegen ein ganzes Orchester durchzusetzen und Laien nicht. Und wenn diese Ausbildung auch noch umfassend ist, dann gelingt dies ein ganzes sängerisches Leben lang ohne Stimm-Schädigungen.

Der Unterschied liegt in der Fähigkeit, die Stimme zu fokussieren. Ähnlich wie beim Laser-Licht hat die fokussierte Stimme bei gleicher ‚Anstrengung‘ ein vielfaches mehr an Kraft und Tragfähigkeit. ‚Anstrengung‘ deswegen unter Anführungszeichen, weil es sehr wichtig ist zu differenzieren, wo man sich anstrengt. Das wäre schon wieder ein eigener Blog-Artikel für sich, aber soweit hier dazu: Der Körper darf (und muss sich manchmal auch) anstrengen. Die Stimme darf es (im Sinne von ‚pressen‘) nie!

Was bringt nun diesen Stimmfokus:

Wir schauen uns dazu drei Funktionen genauer an:

1) die Verengung des Kehlkopftrichters, den sogenannten ‚Twang‘

2) die entscheidenden Resonanzräume und

3) der sogenannte ‚Sängerformant‘

Diese drei Punkte wirken zusammen, es ist aber im Sinne der Bewusstwerdung für das stimmliche Arbeiten sehr sinnvoll, sie getrennt voneinander zu betrachten.

Stimme Fokus Oper

Und jetzt zu den 3 Punkten:

1. Der Twang

Viele klassisch ausgebildete Sängerinnen und Sänger glauben immer noch, dass der ‚Twang‘ eine ‚Pop oder Jazz-Technik‘ sei. Hier geht es aber schon um die Anwendung und nicht mehr um die Grundtechnik.

Denn die Grundtechnik ist folgende:

Das bewusste Verengen und Erweitern des Kehlkopf-Trichters. Je enger, desto mehr ‚Twang‘ wendet man an.

Wie kann man sich das klanglich vorstellen und produzieren?

Um den extremen Twang (und damit den extrem verengten Kehlkopf-Trichter) zu machen, quakst Du am besten wie eine Ente oder lachst wie eine Hexe. Diese Übe-Techniken kenne ich durchaus auch von vielen klassisch unterrichtenden Stimmbildungs-Kolleginnen und Kollegen. Häufig aber ohne das ursächliche Bewusstsein, warum diese Technik so wertvoll ist.

Was passiert nun beim Twang:

Der Kehlkopf-Trichter (also der Raum über den Stimmlippen) verengt sich. Dadurch entstehen zwei wichtige physikalische Effekte:

a) Es passiert ein Druckausgleich um die Stimmlippen. Je besser der Twang gemacht wird, desto mehr führt man die Stimmlippen in einen druckneutralen Raum und sie werden frei. Ein unglaublich wichtiger Aspekt für die Stimmgesundheit.

b) Es entsteht ein ‚Megaphon-Effekt‘. Durch die spezielle Form des Kehlkopf-Trichters beim Twang und den dadurch entstehenden Megaphon-Effekt wird der Ton eher scharf, laut und fokussiert. Und damit sind wir beim ursprünglichen Thema.

Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, sich auch als ‚klassische Stimme‘ eingehender mit dem ‚Twang‘ zu beschäftigen. Dabei wird man vielleicht einige Mal über seinen Schatten springen müssen. Denn für den Twang hilfreich sind ein eher höherer Kehlkopf, Enge im hinteren Rachenraum, generell ein eher schärferer und engerer Klang.

Aber hier stimmen mir viele Kolleginnen und Kollegen zu: Stimmtechnik ist nicht Schöngesang. Das erste ist aber die Voraussetzung für das zweite.

2. Die Resonanzräume

Um Resonanz für die Stimme zu erzeugen braucht es Körper-Gefühl. Es braucht die Fähigkeit, sich selber zu spüren, zu beobachten und darauf zu reagieren.

Dass die Resonanz-Räume des Gesichtes extrem wichtig sind, ist für die meisten Sängerinnen und Sänger nichts neues.

Und trotzdem: wenn ich professionellem Masterclass-Unterricht zuhöre und es geht dabei um Stimmtechnik, so dreht es sich meistens um dieses Thema: Die Stimme ‚nach vorne‘ bringen.

Das gelingt dann mal besser, mal schlechter. Meistens wird dabei mit klanglichem Vorbild, Grimassen und Bildern gearbeitet. Das ist auch alles durchaus sinnvoll, ist aber meiner Meinung nach unvollständig (und daher immer wieder nicht zielführend).

Resonanz-Arbeit im Gesicht braucht unbedingt das Bewusstsein für den Twang (hier greifen die ersten beiden Punkte ineinander). Weiters empfehle ich, ein Körpergefühl für die entsprechenden Resonanzräume zu entwickeln. Was das Gesicht betrifft, sind das die Nebenhöhlen und die Knochen. Das kann, muss aber nicht mit Hilfe von Bildern passieren. Hier ist beim Unterricht ein Gespür für die Wahrnehmung der Schülerin oder des Schülers sehr wichtig.

3. Der Sänger-Formant

Wenn bei den Punkten 1 + 2 gut gearbeitet wurde, ist Punkt 3 fast eine logische Folge.

Auch hier ist es natürlich sehr hilfreich zu wissen, was und warum man etwas tut.

Dass der Sängerformant ein Oberton-Bereich in etwa bei 3 Kiloherz ist und für die Durchschlags-Kraft einer Stimme entscheidend wichtig ist. Und dass Töne mit diesem verstärkt klingenden Formanten einen gewissen (kernigen) Klang haben und ein bestimmtes Körpergefühl. Dass es vom Kehlkopf her einen gewissen Fokus (Twang) braucht. Und dass die Resonanzräume des Gesichtes entscheidend für die Ausbildung dieser Frequenzen sind.

Wie gesagt, wenn 1 + 2 sauber gearbeitet wurden, dann hat man bei Punkt 3 ‚die Ernte‘.

Klingt nach Arbeit? Ja, ist es. Manches mal auch körperlich sehr anstrengend. Es braucht viel Genauigkeit im Hören und Fühlen. Und es macht, wie sehr oft bei genauer Arbeit, unglaublich viel Spaß!

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